Wie ich auf den Hund kam
Eine Freundin musste fort. Eine dringende private Angelegenheit.
Ob ich
ihren Hund hüten könnte, ja? nur für ein paar Tage.
Ich hab’s nicht so mit Hunden, aber den ihren find ich recht nett, außerdem
schmutzt er nicht allzu sehr und er hat so einen unglücklichen Ausdruck
in den Augen, so einen Weltschmerzblick, nicht unähnlich dem
meinen, dass ich mich nicht getraute, nein zu sagen.
Das Frauchen übergab mir lächelnd den Hund, eine Leine, und einen fast
schon erschreckend großen Sack Hundefutter. Aber ich dachte: Der Hund
wird halt viel laufen, ergo viel Energie verbrennen, daher der große Sack.
Als sein Frauchen sich winkend verabschiedete, wünschte ich eine gute
Reise, der Hund aber weinte.
Zur Aufheiterung der Hundeseele gingen wir Gassi. Wir spazierten an der
Isar, der Hund war ein sehr freundlicher, schnell fand er Anschluss. Ich
auch. Über Stunden liefen der Hund und ich an dem Tag die Isar entlang,
zum Flaucher und zurück, ich warf Stocki und pritschelte mit ihm im
Wasser. Am Abend nahm ich ihn mit in ein Lokal, er rollte sich vertraulich
unter meinem Stuhl zusammen, und als ich aufstand um zu gehen stand
er treu und erleichtert bei Fuß.
Nach einer kurzen letzten Runde gingen wir heim, der Hund bekam sein
Futter in einer schönen, englischen Porzellanschüssel und ein Wasser.
Er trank sehr viel, er aß sehr wenig. Ich dachte mir nicht viel dabei, legte
mich ins Bett, der Hund legte sich zu meinen Füßen, wir schliefen selig
ein. In der Nacht wachte der Hund zweimal auf, ich dreimal: Wir hatten
schlecht geträumt.
Am nächsten Morgen gingen wir wieder spazieren, ebenso am Nachmittag.
Da erreichte mich eine sms des Frauchens: Geht es euch gut? Uns
geht es gut, schrieb ich zurück. Dann hörte ich nichts mehr vom Frauchen.
Irgendwann ging der Sack zur Neige, ich kaufte einen neuen, zahllose
Hundebesitzer wurden erst zu flüchtigen Bekannten, später zu regelmäßigen,
man traf sich schließlich mehrmals täglich. Meine Freunde hingegen
wendeten sich ab, ich konnte nicht mehr auf Parties gehen, denn der
Hund mag keine laute Musik und allein sein mag er auch nicht. Zu mir
selber lud ich niemanden mehr ein: der Hund mag auch fremde Menschen
nicht und ich ertrug, nach der zweiten Freundeseinladung, sein betrübtes
Gesicht nicht mehr.
Eines Abends aber, es war Winter und mir war scheußlich kalt, brachte ich
dennoch Damenbesuch nach Hause. Aber die Dame ging bald wieder, es
war ihr zu eng im Bett, so zu dritt. Manchmal tippte ich noch eine sms an
das Frauchen, uns geht es gut, wie geht es dir? schrieb ich, aber nie
bekam ich eine Antwort.
Der Hund und ich lernten einander kennen, und man darf sagen, wir
kannten einander gut. Er wusste mit welchem Fuß ich morgens aufstand,
ich lernte seine Blicke lesen, er saß unter meinem Tisch, wenn ich schrieb,
ich lag abends neben ihm auf dem Boden und las ein Buch.
Aus Herbst wurde Winter, aus Winter Frühling – Weihnachten hatten wir
im kleinsten Kreis gefeiert – Ostern pilgerten wir nach Rom – zu Fuß, der
Hund mag das Fliegen nicht – selig begrüßten wir den Mai. Ich stellte
meine Garderobe um – der Hund ist weiß – ich verzichtete fürderhin auf
Schwarz. Der Hund aß von meinen Tellern und ich manchmal aus seiner
Schüssel. Wir teilten uns Wiener Würschtel, schlürften Karamalz beim
Fußball Schauen, gemeinsam schliefen wir über einem Tatort auf dem
Sofa ein.
Dann wurde es Sommer. Eines Abends schellte es unerwartet an der
Haustüre, der Hund und ich waren gerade in der Badwanne, und unwillig
öffneten wir die Türe. Es sei sein Frauchen, so gab die fremde Dame vor.
Ich erkannte sie nicht, dem Hund erging es nicht anders. Ich ließ mir den
Ausweis geben, der Hund sich die Hand. Tatsächlich, es war dem Hund
sein Frauchen. Daher nahm es Hund und Leine, bedankte sich für’s Hüten,
und ging. Da drehte sich der Hund kurz um, winkte, und ich weinte.
Seitdem geh ich immer alleine über Stunden an der Isar spazieren, werfe
mir Stöckchen und renne gegen den Wind. Vielleicht, ja vielleicht treffe ich
ja den Hund. |
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