Karl Henrici: Beiträge zur praktischen Ästhetik im Städtebau
 

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Karl Henrici

 

Beiträge zur praktischen Ästhetik im Städtebau

 

Neu herausgegeben von Matthias Castorph im Franz Schiermeier Verlag München

 

Format 12 x 16 cm · 280 Seiten · mit Abbildungen · Fadenheftung · Broschur

 

ISBN 978-3-943866-59-9

 

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Matthias Castorph

Vorwort zur Neu-Herausgabe 2018

 

Die gesammelten Beiträge von Karl Henrici zur »Praktischen Ästhetik im Städtebau« (1904) sind als Veröffentlichungen zur Stadtbaukunst wohl dem breiten Publikum unbekannt und bei Fachleuten immer noch unterschätzt. Sowohl der Autor als auch die Inhalte sind über 100 Jahre nach Erscheinen der Texte praktisch vergessen.

 

In einzelnen Fachpublikationen wird Karl Henrici aufgrund seiner Entwürfe und Planungen für deutsche Großstädte zu Ende des 19. Jahrhunderts am Rande erwähnt und als »malerischer« Städtebauer an die Seite Camillo Sittes gestellt, gegenüber den »rationalen« bzw. in der Ingenieurstechnik verhafteten Stadtplanern Reinhard Baumeister und Joseph Stübben, die anscheinend für »gerade« bzw. »geometrische« Stadtanlagen stehen.

 

Über Henricis Aufsätze – vielleicht mit Ausnahme des Artikels über die »langweiligen und kurzweiligen Straßen«, der anlässlich der Debatte um seinen Wettbewerbsentwurf zur Stadterweiterung Münchens 1893 in der Deutschen Bauzeitung erschienen war und der von Zeit zu Zeit noch zitiert wird – findet aktuell keine Auseinandersetzung mit seinen vielschichtigen Themen und Thesen statt.

 

 
 
 

So blieben die erstaunlich aktuellen, allgemein interessanten und lesenswerten Publikationen den meisten heutigen Architekten und Stadtplanern als mögliche Ergänzung ihres städtebaulichen Handlungswerkzeugs unbekannt. Das soll die vorliegende Neuausgabe ändern. Sie ist ein Lesebuch der undogmatischen Thesen Henricis – eine Rückbesinnung auf schon früh formulierte – intelligente und im Kern zeitlose Gedanken, deren Rezeption ein umfassendes städtebauliches Vokabular und städtebauliche Werkzeuge für unsere Zeit wieder verfügbar machen kann.

 

Man könnte dieses Buch als vergessenen »Missing Link« verstehen, der die Verbindung bildet zwischen der die Epoche prägenden Schrift von Camillo Sitte, »Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen« (Wien, 1889), auf die sich Karl Henrici direkt bezieht und den 1920 in München erschienenen »6 Vorträgen zur Stadtbaukunst « von Theodor Fischer, die wohl den Abschluss des grundlegenden Kanons zur Theorie der Stadtbaukunst bilden.

             
             

Bei Henrici finden sich die Gedanken Camillo Sittes von einem bauenden Architekten und Stadtentwerfer weitergedacht und mit Handreichungen an den Praktiker versehen. Sprachlich etwas gewunden, dem Debattenstil der damaligen Bauzeitschriften und der Vortragskultur geschuldet, wirken die Texte heute vielleicht etwas aus der Zeit gefallen. Inhaltlich bereiten sie – auf breiterer Basis aufgestellt – die stadtbaukünstlerischen Thesen Theodor Fischers vor, dessen »6 Vorträge zur Stadtbaukunst« als Studienskript die prägnante Kurz- und Zusammenfassung des damaligen Wissens über Stadtbaukunst sind. Ebenso wie die Vorträge Fischers sind auch die Texte von Karl Henrici, vor allem im Hinblick auf die räumlichen Phänomene der Stadtbaukunst, von zeitloser Aktualität – auch wenn sie durch seinen Sprachstil etwas unzugänglicher sind.

 

Karl Henrici thematisiert Städtebau als Stadtbaukunst, als praktische Ästhetik und als ästhetische Disziplin, die mehr als Funktionserfüllung und Ordnung von Infrastruktur leisten kann. Dabei werden Stadt und gebaute Umwelt nicht nur technisch, sondern auch als räumliches Phänomen verstanden, in dem z.B. Straßen sowohl als Raum als auch als Motor der Stadtentwicklung betrachtet werden, was heute aus dem Blickfeld der Stadtplaner verschwunden ist. Es sind persönliche Thesen und Versuche von Antworten auf die Frage des Praktikers – aus der Notwendigkeit kommend: »Wie sollen wir unsere Städte bauen und erweitern?«

 
             
             
     

Er beschränkt sich nicht auf ästhetische und räumliche Fragestellungen, sondern sucht insgesamt nach Lösungen für Probleme der Stadtentwicklung: Wie reagiert man planerisch auf extremes Stadtwachstum? Wie können die Verkehrsprobleme gelöst werden? Welche Rolle spielt das Grün in der Stadt? Wie lassen sich die Wohnungsnot der arbeitenden Klasse, die »Wohnungsfrage« lösen bzw. lindern? Als politisch denkender Planer interessiert er sich dann auch für Ursache und Wirkungen des »Spekulantentums« und der damit verbundenen »Bodenfrage«.

 

Liest man Karl Henricis Texte gesamt - eine undogmatische Sammlung von Gedanken zur Stadtentwicklung – als Diskussionsbeiträge zum damaligen stadtbaukünstlerischen Diskurs, so erkennt man die gedankliche Komplexität und stellt fest, dass sich Henrici und die  anderen Protagonisten der Stadtbaukunst wohl nicht auf dogmatische Haltungen zu Strassenführungen reduzieren lassen, wie dies gerne in der Stadtbaugeschichte propagiert wurde. Es geht eben nicht um eine vordergründige Einteilung in Haltungen zu geraden oder krummen Straßen – oder um die propagandistische Kritik an der »krummen Straße« als »Weg des Esels«, wie es Le Corbusier formulierte. Es geht um mehr, um die ganze Stadt, als räumliches, gesellschaftliches und funktionales Gebilde. Die bisher gepflegte eindimensionale Einordnung Karl Henricis als Vertreter der »malerischem Städtebaurichtung« lässt sich nach einer Lektüre der Gesamttexte nicht halten.

             
             

Dies ist insofern relevant, als man auch bei umfassender Lektüre der Schriften anderer Protagonisten der Stadtbaukunst – Reinhard Baumeister, Joseph Stübben, Camillo Sitte, Theodor Fischer oder auch Rudolf Eberstadt – feststellen kann, dass alle im Kern wohl undogmatisch dachten, wenn sie sich mit den damals akuten Fragestellungen beschäftigten und Lösungsansätze formulierten.

 

Es scheint an der Zeit, diese verkürzende Darstellung und »Klassenbildung« der städtebaulichen Haltungen in »malerisch« oder »funktional« innerhalb der Stadtbaugeschichte aufzuheben.

 

Keinem der Beteiligten ging es um vordergründigen Formalismus der Planung, sondern immer um die praktische Lösung der anstehenden technischen und gesellschaftlichen Probleme der Stadtentwicklung – innerhalb einer manchmal auch propagandistisch gefärbten Debatte – wobei der ästhetische Anspruch, im Verhältnis zum technischen Anspruch an gebaute Stadt, im einzelnen variierte. Durch dieses diskursive Nachdenken über Stadt etablierte sich der Städtebau als neue Wissenschaft.

 

Und so kann man Rudolf Eberstadt verstehen, der in seiner Rezension des nun wieder vorliegenden Buches von Karl Henrici im Jahr 1910 formulierte:

 

»Das Beste, was die Wissenschaft in einem solchen Zeitalter zu bieten vermag, ist, dass sie den Städtebauer zum Nachdenken über die ihm obliegenden materiellen Aufgaben anregt und ihm die Wege zeigt, auf denen er zu selbständigen Lösungen auf seinem Gebiet gelangen kann.«

 

Und als Zusammenfassung der gedanklichen Leistung Henricis schrieb er:

 

» ... Die Einfachheit der Mittel und die gewaltige Größe der Wirkungen des alten Städtebaus werden von Henrici treffend in Gegensatz gestellt zu dem umgekehrten Verhältnis – dem Superlativ der Mittel und der Kleinheit der Wirkung in der Gegenwart. Mit Recht erkennt deshalb Henrici, dass »die Grundlage des heutigen Städtebaus nicht auf Notwendigkeit, nicht auf gesunder Entwicklung, sondern auf ganz fremden Beeinflussungen beruht.«

 

» ... Das Buch sei dem eingehenden Studium angelegentlichst empfohlen.«

             
             
 
 

Doppelseiten aus dem Buch:

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