ISRAEL – Vom Scheitern einer Utopie

Ausschnitt Stadtentwicklung Jerusalem
Evangelische Pfarrhäuser in Bayern

“I think most Israelis prefer not to know. So for them, texts about the occupation are like some­thing that’s been written in a foreign language that they can’t understand. If they want, you can translate it to them. But it is their choice. In general, though, I think Israelis don’t want to know. Very few do. Basically, I write to the converted.”

Amira Hass, israelische Journalistin

Israel_Vom Scheitern einer Utopie


1896 schrieb Theodor Herzl das Buch „Der Judenstaat“. Ein Jahr später, während des ersten Zionistischen Kongresses in Basel, gründete er offiziell das von ihm entworfene politische Gebilde. 52 Jahre darauf wurde der Staat Israel formell gegründet und von der Mehrheit der internationalen Staatengemeinschaft anerkannt.

Aber Israel ist – damals wie heute – eine unlösbare Rechnung nicht addierbarer Werte: Universelle Demokratie und exklusiver, in diesem Fall jüdischer Nationalismus.


Den Preis für diesen Widerspruch zahlte das palästinensische Volk. Und es zahlt heute noch. Israel schöpft – während es die Palästinenser vertreibt, Land völkerrechtswidrig besetzt und mit brutaler Gewalt jeglichen Widerstand gegen seine koloniale Politik unterdrückt – aus einem schier unendlichen Reservoir an Waffensystemen und Überwachungstechniken. Und internationaler wirtschaftlicher, militärischer und politischer Unterstützung. Was einst als Utopie begann, die Idee eines rettenden Heimstaats des über Jahrhunderte verfolgten und gemordeten jüdischen Volkes, endete in der anhaltenden Zerstörung und dem Landraub eines anderen Volkes: dem der Palästinenser.


Das Buch „Israel_ Vom Scheitern einer Utopie“ von Linda Benedikt ist die Wiederauflage einer 2011 erstmals verlegten Sammlung von Texten, die auch im Jahre 2021 nichts an ihrer Relevanz und Aktualität eingebüßt haben. Die frühere Journalistin skizziert und zeichnet mittels Prosa, Reportagen und Tagebucheinträgen – basierend auf ihren über 20 Jahre überspannenden Recherchen in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten, ein unheilvolles Portrait des israelischen Staates. Ein Staat, welcher sich als „Licht unter den Nationen“ und als „einzige Demokratie im Nahen Osten“ verstanden haben möchte, aber de facto ein Apartheidstaat ist.





Aktueller Aufriss 2021


In den letzten 13 Jahren griff Israel den komplett abgeschotteten, und noch immer unter seiner Kontrolle stehenden Gazastreifen, insgesamt viermal an. Zuletzt im Mai dieses Jahres. Gleichzeitig treibt Israel seine völkerrechtswidrige Besatzung der Westbank, als auch seine kaum kaschierte Politik der ethnischen Säuberung und Vertreibung in seinem Kernland voran. 

Die Instrumente, die Israel dazu einsetzt, reichen von Hauszerstörungen, administrativer Haft und Landkonfiskationen bis zur Einsetzung scharfer Munition bei zivilen Protesten. Das Resultat ist ein Staat, in dem jeder Jude, egal wo er geboren ist, demokratische Bürgerrechte genießt, während jeder Palästinenser dazu gezwungen wird, egal ob Christ oder Muslime, eine Existenz zweiter und dritter Klasse führen muss.


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Israel – Vom Scheitern einer Utopie
Linda Benedikt

Format 12,5 x 19 cm, 164 Seiten
Broschur mit Umschlag

Buchhandelspreis: 16,00 Euro
Versand in D: 2 Euro
ISBN 978-3-948974-09-1

Preise inkl. 7% MwSt



Über die Autorin

Linda Benedikt wurde 1972 in München geboren.
Sie studierte Politik an der „School of Oriental and African Studies“, und arbeitete lange Zeit als freie Redakteurin und Journalistin in London, Wien, West- und Ostjerusalem und in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten.
Linda Benedikt lebt als Schriftstellerin in München.

Persönlicher Text

Vor ein paar Jahren hat mich ein deutscher Dokumentarfilmer kontaktiert. Er will das Leben von Robert Lembke, dem Erfinder und Moderator der einst bekanntesten und erfolgreichsten Sendung des deutschsprachigen Fernsehens verfilmen. Die Sendung hieß „Was bin ich“ und Robert Lembke ist mein Großvater. Was den Filmemacher am meisten am Leben meines Großvaters interessiert, ist, wie der als Robert Emil Weichselbaum 1913 geborene Jude ab 1945 so eine glänzende Karriere in Deutschland machen konnte. In dem Land, dass ihm einst ans Leben wollte und an der Seite der Täter. Und im vollkommenen Schweigen und Verschweigen seiner Geschichte. Als ich während den Recherchen zum ersten Mal schwarz auf weiß lesen konnte, dass ein Cousin meines Großvaters in Ausschwitz ums Leben kam, beutelte es mich arg. Obwohl ich es immer schon ahnte. Ich veröffentliche auf ZEIT Online einen Artikel darüber: Über meine Ahnung. Und über das gesicherte Wissen vom Schicksal der Familie meines Großvaters: https://www.zeit.de/kultur/2019-08/robert-lembke-deutsches-judentum-familiengeschichte-nationalsozialismus-10nach8

Als ich die Texte vor zehn Jahren schrieb („Israel, a Love that was. Die Geschichte einer Entzauberung“ Aphorisma Verlag, Berlin), hatte ich meinen Großvater durchaus im Hinterkopf. Aber vor allem beschäftigte mich, wie ich dazu beitragen kann, dass kein Großvater, ganz egal, wo er lebt, Angst vor Verfolgung, Ermordung und Zerstörung seines und des Lebens seiner Familie haben muss. 

Als deutsche Journalistin ist es fast unmöglich, Artikel über Israel in deutschen Medien unterzubringen, die auch nur ansatzweise die Realität Israels repressiver Politik und seine Auswirkungen auf das palästinensische Volk widerspiegeln. Seit ich 19 bin lebe ich mit den Erinnerungen der Jahre, der Sommer, der Winter, den Gerüchen und der Stille der Feiertage Israels. Und auch mit der Zerstörung, der Gewalt und der Brutalität die von dem israelischen Staat ausgehen. Als ich zum ersten Mal darüber nachdachte, meine Text neuauflegen zu lassen, meinte ich, viel Arbeit in die Neuauflage stecken zu müssen. Bis ich merkte, dass sich in Israel und in den besetzten Gebieten sich eigentlich nichts wirklich geändert hat. Es ist nur alles schlimmer in dem vergangenen Jahrzehnt geworden. Daher habe ich allein das Vorwort, ein Nachwort und die Liste an Leseempfehlungen aktualisiert.


Die Position Deutschlands bezüglich Israel hat sich ebenfalls nicht ernsthaft geändert. Der pawlosche Reflex, Kritik an der israelischen Politik als plumpen, hämischen und irrationalen Judenhass abzutun und dadurch von vorneherein als irrational und unzulässig zu bezeichnen ist nichts wirklich Neues.

Ich wollte dennoch dieses Buch neuauflegen. Weil ich Israel weiterhin an seinem Anspruch und an seinen Taten messen möchte. Weil die Kinder, mit denen ich einst spielte, wie Muna und Mhammad al Kurd aus Sheikh Jarrah in Ostjerusalem, heute immer noch darum kämpfen müssen, dass Israel sie nicht aus ihrem Haus vertreibt. Weil die Kinder im Gazastreifen unter permanenter Todesangst vor Israels Bomben leiden; weil es keinen einzigen Palästinenser gibt, weder in Israel, Ostjerusalem oder der besetzten, zerstückelten Westbank, der nicht den Tod eines Verwandten betrauert, dem nicht Land genommen wurde oder dessen Leben von Israels absichtsvoller Willkürherrschaft diktiert wird. Und weil die internationale Staatengemeinschaft weiterhin nicht nur israelische Kriegsverbrechen deckt, sondern Israel politisch, wirtschaftlich und militärisch tatkräftigt unterstützt, das Land Palästina von seiner ursprünglichen Bevölkerung zu reinigen. 


Ich trage dies nicht mit, es geschieht nicht in meinem Namen, und ich weigere mich Israel zu erlauben, die Toten der Familie meines Großvaters als Grund und Rechtfertigung zu missbrauchen, um das Leben des palästinensischen Volkes zu zerstören. Auch daran hat sich in den letzten zehn Jahren nichts geändert.

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